Marie Luise Sophie Kunert, verh. Benfey-Kunert
Biografie
Sophie Kunert war die erste Hamburger Theologin und eine der engagiertesten Kämpferinnen für die Zulassung von Frauen im geistlichen Amt. Die Tochter eines wohlhabenden Oberlehrers aus Spandau begann 1916 in Berlin, Philologie zu studieren, wechselte aber nach zwei Jahren zur Theologie und legte 1921 als eine der ersten Frauen an der Humboldt-Universität das Fakultätsexamen ab, dessen Einführung sie zuvor selbst mit durchgesetzt hatte. Da es zu diesem Zeitpunkt keine Berufsaussichten in den evangelischen Kirchen gab, arbeitete sie als Erzieherin und im kaufmännischen Bereich, studierte Nationalökonomie, publizierte zum Thema Frauen in der Kirche und wirkte in ihrer Freizeit als Seelsorgerin in einem Berliner Frauengefängnis. 1925 wechselte sie auf eine Stelle als Fürsorgerin und Seelsorgerin im Hamburger Strafvollzug. Da Kunert ihr Anliegen, die Gleichberechtigung der Theologinnen, weiter verfolgte und für Ihre Arbeit im Frauengefängnis auch eine kirchliche Bestätigung haben wollte, beantragte sie erfolgreich die Zulassung zum Vikariat in der Hamburger Landeskirche, dessen Abschlussprüfung sie noch 1925 bestand. Nach langen Auseinandersetzungen gelang es ihr 1927, dass Theologinnen als Pfarramtshelferinnen zumindest eine eingeschränkte kirchliche Arbeitsmöglichkeit eingeräumt wurde. Für ihren Dienst wurden sie eingesegnet und nicht wie Pastoren ordiniert. Sophie Kunert konnte sogar erreichen, dass ihr ausnahmsweise die sonst nur Männern vorbehaltene Sakramentsverwaltung für ihre Arbeit im Frauengefängnis übertragen wurde. Damit befand sie sich in Deutschland in einer einzigartigen Position.
Im politischen Bereich kandidierte sie bei der Reichstagswahl 1930 erfolglos für die Deutsche Volkspartei (DVP). Daneben hielt sie Vorträge und publizierte zahlreiche Artikel. Um ihre Arbeit mit den inhaftierten Frauen noch besser gestalten zu können, studierte sie nebenbei Psychologie und wurde 1933 bei William Stern (1871-1938) mit einer Arbeit über „Abhängigkeit, eine personale Struktur straffälliger Frauen“ promoviert. Ende Februar 1934 schied sie auf eigenen Wunsch aus dem Dienst aus, da sie erhebliche Konflikte mit der katholischen Leiterin des Frauengefängnisses hatte. Nach der Kündigung heiratete sie den Göttinger Pastor Bruno Benfey (1891-1962), der von den Nationalsozialisten aufgrund seiner jüdischen Abstammung angegriffen und vom Landesbischof in den Ruhestand versetzt wurde. Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde er verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Aufgrund ökumenischer Kontakte wurde er nach einigen Wochen mit der Auflage, Deutschland zu verlassen, aus der Haft entlassen. Über die Schweiz, die sie nicht dauerhaft aufnehmen wollte, gelangte die Familie in die Niederlande, wo Bruno Benfey als Seelsorger wirkte und deutschsprachige protestantische Flüchtlinge in Lagern im ganzen Land betreute. Hier ergab sich für Sophie Benfey-Kunert die Möglichkeit, wieder als Geistliche zu arbeiten und Gottesdienste abzuhalten, wenn ihr Mann verhindert war. 1946 konnten beide nach Göttingen zurückkehren, wo ihr Mann seine alte Pfarrstelle wieder erhielt, ihr selbst aber von der Hannoverschen Landeskirche eine Berufstätigkeit als Theologin verwehrt wurde.
Bilder, Dokumente und Medien
literaturhinweise